21.08.2006 | Seite 14
Stuttgarter Zeitung
"Ein höflicher und spendabler Mann"

Das Auktionshaus Siebers verkauft Briefe König Wilhelms II. Was für ein rührendes Ding: ein abgeschabtes Heft, klein wie ein Notizbuch. Es ist ein Zeugnisheft des "Ober-Gymnasiums" Stuttgart aus dem Jahre 1865. Damals gab es neun Notenstufen. Eine Eins war, ganz schwäbisch verhalten, "recht gut", die schlechteste Note Neun bedeutete "sehr mittelmäßig". Das Zeugnisheft gehörte dem 15-jährigen Knaben Wilhelm Gessler. 56 Jahre später erhielt dieser Wilhelm Gessler den Brief eines abgedankten Königs, der "in alter dankbarer Gesinnung" unterzeichnete. Nun liegt es in Untertürkheim, in einer ehemaligen Gipsfabrik, dem Auktionshaus Yves Siebers. Vom Fenster aus blickt man auf das Daimler-Museum. Bei Siebers stehen 270 Stühle des berühmten Designers Arne Jacobsen aus dem Mainzer Rathaus. Die Mainzer haben die Stühle Modell Ameise verkauft, um die Restaurierung von 190 in Mainz verbleibenden Stühlen zu finanzieren.

Doch auch ein Blick auf die Orden jenes Wilhelm Gessler im Schein einer Chromlampe der siebziger Jahre lohnt sich. Das "Limit", also der Ausgangspreis für die Orden, die im Herbst bei Siebers versteigert werden, beträgt 12 000 Euro. Das Großkreuz des Ordens der Württembergischen Krone mit putzigen Goldlöwen zwischen den weißen Zacken und der Aufschrift "Furchtlos und treu" liegt auf einer purpurroten Schärpe. Zum Großkreuz gehört noch ein Bruststern.

Spannendes Schmökermaterial bieten diverse Papiere aus dem Nachlass des später geadelten Gessler. Verschiedene Briefe des württembergischen Königs Wilhelm II. (Limit: 500 Euro) enthält eines der Konvolute. 1906 ernannte der letzte Monarch Württembergs von Gessler zum Finanzminister. Unterschrift: "Ihr gnädiger König Wilhelm". Als Gessler 1914 in den Ruhestand ging, erhielt er eine Pension von 12 000 Mark. Zum Vergleich: der abgedankte König bekam zum Thronverzicht in einem Abkommen, an dem auch Gessler mitwirkte, 200 000 Mark Jahresrente zugesprochen.

Zwei persönliche Briefe an Gessler hat der König eigenhändig verfasst. "Gott gebe nicht nur mir, sondern dem ganzen Vaterlande bessere Tage. Ich persönlich bin still zufrieden, endlich hier zu sein, unter Menschen mit freiem Horizont. Beides fehlte in Bebenhausen und wirkte auf die Dauer etwas bedrückend", schreibt der Exmonarch, der 1921 in Bebenhausen starb, 1920 aus Friedrichshafen. In seinem Todesjahr vergisst er in einem weiteren Brief das Wort "Wünsche", ergänzt es und fügt hinzu: "Ich bitte um Entschuldigung für die Correctur aber der erdrückenden Zahl ähnlicher Verpflichtungen ist es mir unmöglich von Neuem zu beginnen." Es fehlt schon wieder ein Wort, aber dennoch - welche Höflichkeit!

"Eine tatkräftige Natur von weltmännischen Formen" und Liberalität werden Gessler in einem Nachruf von 1925 aus dem "Schwäbischen Merkur" bescheinigt. Als Finanzminister war er mit dem Umbau des Stuttgarter Hauptbahnhofs und dem Staatsanteil bei Theaterneubauten befasst. Zwei Urkunden zu Ordensverleihungen an Gessler durch Kaiser Wilhelm II. bietet das Auktionshaus zum Ausgangspreis von 600 Euro an. Unter den Dokumenten prangt des Monarchen aufgeblasene Signatur mit dem Zusatz "Swinemünde, an Bord Unserer Jacht 'Hohenzollern'". Eine Visitenkarte mit dem Aufdruck "Milan Obrénovitsch Prince de Serbie" (der Prinz wurde später serbischer König) ist mit 90 Euro angesetzt.

Auch ein Konvolut mit Papieren aus dem Nachlass von Gesslers Sohn Gerhard, der 1985 fast hundertjährig starb, kommt zur Versteigerung. 1915 wurde der Jurist in das "Kaiserlich Freiwillige Automobilcorps" aufgenommen und durfte im Staatsauftrag ein Auto der Marke Horch kaufen. Die Rechnung lautet auf stattliche 10 000 Mark. Für einen "Mobilkoffer" und feldgrauen Anstrich wurden zusätzlich 300 Mark fällig. Weitere Dokumente aus dem Nachlass des späteren Bankdirektors, wie etwa ein Mobilmachungsbefehl, ein Führerschein von 1917 und die Verleihung des "Ehrenkreuzes für Frontkämpfer im Namen des Führers und Reichskanzlers" 1935 erzählen von deutscher Geschichte.

Die Versteigerung des Nachlasses Gessler findet vom 26. bis 28. Oktober 2006 statt.

Von Cord Beintmann

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